Riss im Nebel (Leseprobe)

"Die folgenden Seiten sind ein Atemzug aus einer größeren Stille.
Sie zeigen Stimmen, die im Nebel verloren gingen und nie wieder ganz verstummen."

Fragment I: Unbekannt, der Suchende 

Er hat keinen Namen. 

Vielleicht hat er ihn vergessen. 

Vielleicht war es der Preis für den ersten Schritt 
in diese Welt, 

oder das Letzte, 

was ihm entrissen wurde, 

als er jenseits der Schwelle stand. 

Er geht. 

Immer. 

Seit Anbeginn, 

oder erst seit gestern. 

Denn wer hier lebt, zählt keine Zeit. 

Er sucht eine Zuflucht. 

Nicht irgendeine. 

Die letzte. 

Jene, von der er gehört hat in Worten, 

die niemand aussprach. 

Ein Ort, an dem die letzte Glut noch flackert. 

Wo vielleicht noch ein Stuhl für ihn bereitsteht, 

ein Becher, gefüllt mit Erinnerung. 

Wo einer sitzt, der ihm endlich sagt: 

„Du hast gefunden, was du gesucht hast.“

Dieser Ort liegt nicht in seiner Zeit. 

Er irrt durch aschfarbene Felder, 

Städte aus Mauern, 

die sich ins Nichts winden. 

Steigt endlose Treppen, 

vorbei an Korridoren aus Schweigen. 

Er sieht ein Licht in der Ferne. 

Ein Lagerfeuer. 

Ein Irrlicht. 

Davor einen kleinen Schatten. 

Vielleicht ein Kind? 

Er geht darauf zu, 

und wenn er ankommt, 

ist nichts dort. 

Nichts war je dort. 

Er weiß nicht mehr, 

ob er jemals etwas anderes getan hat. 

Vielleicht ist er einst ein Mensch gewesen, 

ein König, 

ein Gott, 

ein Schatten. 

Vielleicht alles zugleich. 

Vielleicht nie etwas.  

Er geht. 

Und der Boden unter ihm ist grau, 

und der Himmel über ihm farblos, 

und alles dazwischen ist stumm. 

Und doch... 

bleibt er niemals stehen. 

Fragment XX: Die Träume der Anderen 

Es heißt, 

Träume seien nur flüchtige Bilder des Geistes, 

Gedanken ohne Gewicht, 

Schatten vergangener Tage. 

Doch das ist eine Lüge der Wachen. 

Eine tröstliche Geschichte für jene, 

die vergessen wollen, 

was hinter dem Schlaf liegt. 

Jenseits der Schwelle,

in jener Tiefe, 
die man nur betritt, 
wenn das Bewusstsein sich auflöst 

und der Körper sich in der Dunkelheit verliert, 

liegt ein Ort, 

der kein Ort ist. 

Ein Weg in die Zwischenwelt. 

Ein Raum aus Nebel und Flüstern. 

Ohne Zeit. 

Ohne Oben oder Unten. 

Ohne Trost. 

Dort wandeln die Suchenden. 

Nicht tot. 

Nicht lebendig. 

Verlorene Seelen, 

die nie das Auge des Pförtners fanden. 

Zu fest gebunden an das, 

was war. 

Zu zerrissen, 

um zu bestehen. 

Sie tragen keine Namen mehr, 

nur Fragmente von dem, 

was einst ihre Wirklichkeit war: 

Gerüche, 

Stimmen, 

das letzte Echo eines Blickes. 

Sie streifen durch das Dazwischen, 

gelenkt von Erinnerung, 

getrieben von Sehnsucht, 

als Beobachter neben den Lebenden. 

In der Stunde der tiefsten Nacht, 

wenn die Menschen schlafen, 

wenn die Dunkelheit am Schwersten wiegt, 

wird der Nebel manchmal durchsichtiger. 

Dann werden sie sichtbar. 

Lautlos. 

Nicht durch Türen, 

sondern durch Risse im Gewebe der Welt. 

Dort, 

wo ein Traum beginnt, 

endet ihre Stille. 

Die Träume der Lebenden sind Risse. 

Hauchdünne Fenster, 

durch die Stimmen flackern, 

bevor sie wieder verlöschen. 

Fragment XLVII - Unbekannt, die Verstehende

Niemand kennt mehr ihren Namen. 

Selbst der Wind, 

der einst ihr Haar in der salzigen Brise tanzen ließ, 

hat ihn längst vergessen. 

Nur das Meer, 

unermesslich und zeitlos, 

erinnert sich an ihr Gesicht.

Sie war ein Kind des Wassers. 

Ein Mädchen, 

das die Enge der Dörfer 

und das dumpfe Treiben der Städte verachtete. 

Ihre Zuflucht war die Klippe, 

hoch oben über den Wellen, 

wo der Himmel unendlich erschien 

und das Tosen der Brandung ihr Herz in Schach hielt.


Jeden Morgen, 

so lange sie lebte, 

erwartete sie den Sonnenaufgang.

Der erste goldene Schimmer 

über der pechschwarzen Wasserlinie.
Das Verblassen der Sterne.
Die Wärme, 

die die Haut streichelte.
Und den uralten Tanz der Farben, 

von blassem Blau zu glutrotem Feuer.

Dort stand sie auch, 

als der Tod kam. 

Nicht alt. 

Nicht krank. 

Nur ein Irrlicht, 

das ihren Namen flüsterte 

und ihr zeigte, 

dass ihr Leben zu Ende war.

Der Pförtner erschien ihr. 

Nicht wie den anderen. 

Er kam in der Gestalt einer silbernen Reflexion im Wasser, 

ein einzelnes bernsteinfarbenes Auge zwischen den Wellen, 

das ihr stumm befahl zu gehen.

Sie weigerte sich.
Sie bat. 

Sie flehte.

„Lass mich bleiben.
Nur noch einen Sonnenaufgang.
Nur noch einen.“

Sie rannte. 

An die Klippe. 

An den Rand der Welt. 

In die Zwischenwelt.

Und dort blieb sie.

Die Zeit verging.

Erst kamen noch Fischer in Holzbooten, 

dann Schiffe mit prunkvollen Segeln. 

Ihre Planken ächzten unter dem Gewicht der Hoffnung, 

der Fracht und des Todes. 

Kriege kamen.
Galeonen verbrannten im Morgengrauen.
Kanonenfeuer zerriss den Himmel.

Doch jeden Tag,

ob das Blut der Gefallenen in die See sickerte 

oder Frieden über das Wasser glitt, 

erlebte sie den Sonnenaufgang.

Und sie lächelte.

Jahrhunderte vergingen.
Die Schiffe wurden aus Stahl, spuckten Rauch, 

durchbrachen den Nebel. 

Flugmaschinen zogen ihre Bahnen über dem Meer, 

Schatten warfen sich auf die Wellen.

Und da war der Sonnenaufgang.

Sie stand dort.
Die einzige Konstante.
Die letzte Erinnerung an das Leben.

Dann kam der Krieg, 

den niemand gewann.
Der Himmel brannte.
Explosionswellen jagten über die Meere. 

Städte versanken in Feuer. 

Die Maschinen stürzten wie schwarze Vögel ins Wasser.


Und doch kam der Sonnenaufgang.


Nur schwächer.


Die Welt erstarb langsam.
Jahrhunderte ohne Stimme.
Die See wurde grau, 

der Himmel farblos.
Schiffe blieben aus.
Die Flugmaschinen verschwanden.


Jahrtausende geschah nichts.


Eines Morgens kam kein Sonnenaufgang mehr.


Ein trüber Dunst lag über dem endlosen Wasser, 

die Kälte griff nach den Klippen, 

das Licht blieb aus.


Die Sonne, 

einst gewaltig und gnädig, 

war am Verlöschen.


Ein mattes, 

rotes, 

sterbendes Auge am Himmel.


Und doch stand sie dort.


Äonen vergingen.
Das Wasser wurde zu Glas, 

der Himmel zu Asche.


Kein Laut. 

Kein Wind.
Nur die klirrende Stille der Ewigkeit.


Sie wartete.


Ohne zu wissen worauf.


Auf ein Licht, 

das nicht wiederkehren würde.


Auf Schiffe, 

die nie mehr ausliefen.


Auf Geräusche, 

die die Ewigkeit vergessen hatte.


Dann war die Erde fort.


Zerfallen zu Staub.


Ein ruheloser, 

schwereloser Strom in der Leere.
Kein Fels mehr, 

kein Wasser.


Nur Dunkelheit.


Und in dieser Finsternis erschien er erneut.
Der Pförtner.

Diesmal flackerte er nicht mehr im Wasser, 

sondern war das einzige Licht im Nichts.


Das bernsteinfarbene Auge, 

das sie seit Äonen gemieden hatte.


Sie wusste, 

dass sie gehen musste.
Kein Meer mehr.
Keine Sonne.
Kein Ort für ein Mädchen, 

das einst nur die Morgendämmerung liebte.


Und so trat sie, 

namenlos, 

in den Blick des Pförtners.


Die letzte Erinnerung war ein Sonnenaufgang, 

der niemals wiederkehren würde.



"Dies sind nur Splitter einer Welt hinter dem Nebel.
Wer den Weg weiter gehen möchte findet das ganze Werk als
E-Book oder Softcover."